Stand:  14.04.2013  

 

Beinahe eine Aufforderung  zum Tanz

Metzinger-Uracher General-Anzeiger vom 24.11.1998

Herbstkonzert des Kammerorchesters Metzingen  in der Stadthalle

Ganz im Zeichen des Tanzes stand das 21. Herbstkonzert des Kammerorchesters Metzingen. Unter der bewährten Leitung von Hannes Schmeisser spielten die Musiker zum Tanze auf – wohlverstanden in orchestrale Formen gekleidet. Entgegen der Konvention eines streng chronologischen Ablaufs begann das Orchester mit den »Rumänischen Volkstänzen für kleines Orchester« von Bartok.
Und bereits hier schien der Klangkörper  in seinem Element zu sein. Die rauhen Rhythmen und fremden Skalen (gerade im dritten Tanz) wurden mit einem warmen Streicherklang bedacht (vierter Tanz), der sich mit der Musik zu einem durchaus osteuropäischen Gesamtklang verband. Gute solistische Leistungen der Orchestermitglieder ergänzten den kurzweiligen Vortrag.
Völlig anders im Charakter und ohne jeden  Volkston waren dann die »Zwei Tänze für Harfe und Streichorchester« von Claude Debussy. Hier war der Tanz lediglich als musikalische Form zu ahnen. Doch die schwebenden, zarten Klänge der Harfe, gespielt von Marina Paccagnella, ließen vor dem Hintergrund des dezent begleitenden Orchesters aufhorchen. Mit sehr viel Gefühl interpretierte Marina Paccagnella die Passagen und verstand es, der Musik Debussys melodische Qualitäten abzugewinnen.
Das zweite Werk des Abends mit Solobesetzung, Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester C-Dur (KV 299), im Aufbau der Gattung des Solokonzerts folgend, brachte im Schlußsatz, dem Rondo Allegro, dann doch noch einen Tanz. Zuvor jedoch konnte man das Prinzip des concertare, des miteinander Eiferns, durch die beiden Soloinstrumente sehr gut verfolgen. Während Gialluigi Durando den Part lyrischer Melodien zugesprochen bekam, sorgte Marina Paccagnella mit brillanten Arpeggien für eine Art harmonischen Unterbau, der ihr alle Freiheiten zu solistischer Beteiligung ließ.
Gialluigi Durando agierte geschmeidig im Ton, sorgte für das nötige Tempo und war gleichzeitig gefällig in Stil und Ausdruck. Er ging dabei pointiert zu Werke und war sich der Wirkung seiner Interpretation bewußt. Marina Paccagnella hatte es da – aufgrund der klangIichen Verteilung – schwerer, sich und ihre Qualitäten darzustellen. Doch konnte sie sich’ (und das nicht nur in der Kadenz des Kopfsatzes) immer wieder durchsetzen. Das begleitende Orchester zeigte gute technische Leistungen, lediglich die Intonation ließ zu wünschen übrig, worunter leider auch das markante Andantino zu leiden hatte, das jedoch durch die Kadenz gekrönt wurde, die ein inniges Miteinander der Soloinstrumente vermittelte.
Als kleines Zwischenstück war die bekannte Valse triste von Jean Sibelius gedacht, in der die Melodie schön herausgearbeitet war und alle technischen Hürden gemeistert wurden. Dann durfte man gespannt sein, wie das Kammerorchester Metzingen die Sinfonie Nr. 5 B-Dur von Franz Schubert bewältigen würde. Auffallend war die gute Abstimmung zwischen Streichern und Bläsern. Allerdings tasteten sich alle Ausführenden am Notentext entlang durch die vier Sätze, wobei kleinere technische Unzulänglichkeiten kaschiert wurden.
Das Andante con moto jedoch wurde mit einer recht  guten Feinabstimmung und einer schönen Leistung der Bläser vorgestellt,  zudem verstand es Hannes Schmeisser, den Spannungsbogen den ganzen langen  Satz über zu halten. Im Allegro vivace, dem Schlußsatz schließlich,  hatte man den Eindruck, das Orchester hätte sich jetzt freigespielt.  Das zahlreiche Publikum in der Stadthalle dankte dem Orchester und seinem  Dirigenten mit großem Applaus. Es scheint zu wissen, was es an beiden  hat. lei

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[Kritiken 1998]