Stand:  14.04.2013  

 

Konzert - Das Kammerorchester Metzingen mag es beim Herbstkonzert barock, melancholisch oder südamerikanisch

Aus dem Reutlinger General-Anzeiger vom 23.10.2012

Sinfonischer Auftritt des Akkordeons

VON DAGMAR VARADY

METZINGEN. Für ein vielfältiges und ideenreiches Programm war dank des musikalischen Leiters Oliver Bensch beim Herbstkonzert des Kammerorchesters Metzingen am Sonntag gesorgt. Allein aufgrund dieser Tatsache hätten die Reihen der Metzinger Stadthalle gerne etwas besser besetzt sein können.

Ein eleganter Einstieg gelang mit Georg Friedrich Händels Concerto grosso Opus 6 Nr. 1. Anmutig erhoben sich die Streicher, um ihre stolzen Melodienlinien in den tragenden Cembaloklang (Stephen Blaich) einzubetten. Kleine klangliche Schwächen wurden durch melodiöse Gelöstheit, die passende Akzentuierung und hochgestimmtes Musizieren ausgeglichen. Reizvoll auch der Gedankenaustausch der beiden Violinen von Beatrice Erhart und Katharina Dolmetsch-Heyduck und des Cellos (Thomas Brocke), die sich schmeichelnde Beteuerungen zuspielten.

Doch das Leben ist ja nicht einförmig - und so folgt auf Fröhlichkeit durchaus auch mal Kummer. Edvard Griegs »Elegische Melodien« Opus 34 waren von melancholischem Gepräge. Ursprünglich als zwei Lieder für Gesang und Klavier ausersehen, schrieb Grieg diese später für Orchester um. Das verwundete Herz, der wunderschöne Frühling, der sich vielleicht zum letzten Mal zeigt, all dies wehmütige Klagen der Seele war doch immer auch von einem Sichfügen und einer Liebe zum Leben durchdrungen. Bensch entschlüsselte die weiten Bögen, die auf- und abschwellenden expressiven Melodien und ließ seine Musiker die Gedanken der Gedichte Aasmund Olafsson Vinjes duftig zu Gehör bringen.

Nach einem Scheitern ist jedoch wieder ein sich Aufraffen notwendig. Dies gelang mit ungarisch-neckischer Musik. Leo Weiners »Divertimento Nr. 1« bot folkloristische Einblicke in die ungarische Tonsprache. Jedem der fünf Sätze galt es, sein eigenes Gepräge zu verleihen. Mal forsch und kühn, mal verspielt oder gar tapsig, aber zumeist beschwingt und tänzelnd frönten die Musiker der magyarischen Leidenschaft.

Piazzollas Bandoneon-Konzert

Nach der Pause kam dann das rechte Glanzstück, wo das Orchester viele seiner Stärken zu präsentieren vermochte. Eine Besonderheit war das Stück allemal. Ein Akkordeon auf der Konzertbühne zu erleben, ist bekanntlich eher eine Seltenheit. Astor Piazzolla schuf mit seinem Bandoneon-Konzert »Aconcagua« einen Klassiker des Bandoneon-Repertoires. Auch wenn am Sonntagnachmittag nicht das Bandoneon (ein Handzuginstrument ähnlich einem Akkordeon) oder die Konzertina (hieraus entwickelte sich das Bandoneon) erklangen, sondern stattdessen ein Konzertakkordeon, ergab sich ein individueller Zauber wie von selbst.

Ulrich Schlumberger entlockte seinem Akkordeon eine Bandbreite an Tönen und Gefühlslagen, von schmissig bis zartschmelzend, grundsätzlich immer mit viel Empfindung. Im besinnlichen zweiten Satz wirkten einige Stellen sehr intim und improvisiert, beinahe, als würde hier ein Ensemble musizieren. Entrückte Harfentöne (Eva Bredl) berührten hier tröpfelnde Klavierklänge (Carmen Ruiz-Merino). Der rhythmische und unbändige Schlusssatz lebte von starken Akzenten und furiosen Momenten, die Oliver Bensch seinem Orchester mittels seines quirlig mitswingenden Dirigats prima zu vermitteln vermochte.

Das hingerissene Publikum wurde zuletzt mit einem Akkordeon-Nachtisch beschenkt. (GEA)

 

Feurig, farbig, souverän

Aus dem Metzinger Volksblatt vom 23.10.2012

Quer durch Stile und Kontinente führte das Herbstkonzert des Kammerorchesters Metzingen. Gastsolist war der Akkordeonist Ulrich Schlumberger.

Autor: SUSANNE ECKSTEIN | 23.10.2012

Von Händel bis Piazzolla reichte die Spannweite, Nordisches und Ungarisches eingeschlossen - das originelle Programm zog trotz des sonnigen Herbstwetters zahlreiche Zuhörer an.

Das Kammerorchester zeigte sich stellenweise verjüngt, bestens präpariert und spielfreudig, der Auftakt mit Georg Friedrich Händels Concerto grosso op. 6 Nr. 1 gelang mit der gebührenden Anmut und Akkuratesse. Mustergültig wurden die Figuren ausmusiziert, zielbewusst die Sätze durchschritten, und dem Finalsatz gab das Ensemble einen tänzerischen Schwung, der bis ins Ende trug. Sauber und transparent wurde aufgespielt, von Solisten wie Ripieno-Spielern, die stilsichere Begleitung durch Stephen Blaich am Cembalo kam in den ruhigeren Passagen schön zur Geltung.

Mit Edvard Griegs zwei "Elegischen Melodien" op. 34 hatten Bensch und die Seinen "alte Bekannte" wieder aufgelegt. Im Vergleich zu früher war deutlich mehr Spannkraft und Frische zu verzeichnen. Bei den "Herzwunden" bildete nicht düstere Larmoyanz die Grundhaltung, sondern kontrastreich nuancierter Ausdruck; der "letzte Frühling" bestach durch abgestufte Saiten-Farbigkeit, die an buntes Herbstlaub erinnerte - sanftes Rot und sattes Gold. Kleine Ungenauigkeiten, die in Laienorchestern immer vorkommen, stören weniger, wenn die Musik differenziert und lebendig zum Fließen kommt, wie das nun der Fall war.

Leo Weiners "Divertimento Nr. 1" wiederum umfasst fünf ungarische Tänze. Locker von der Hand gingen die Kontraste zwischen duftig und klangsatt, leicht und schwer, gekonnt wurden die Kunstpausen gehalten, so akkurat wie feurig kamen die Tanzrhythmen. Es roch nach Zymbal und Tanzboden, der schwungvolle "Rókatánc" bewirkte gar Spontan-Applaus.

Klare, harte Rhythmen prägen in noch stärkerem Maß den "Tango Nuevo"-Stil von Astor Piazzolla. Besonders kantig ist "Aconcagua", ein Konzert für Bandoneon und Orchester, das den zweiten Teil des Konzerts bildete. Wie Piazzollas Verleger wohl auf den Namen des höchsten Berges von Nord- und Südamerika gekommen war?

Die Partitur führt jedenfalls vom spannungsreichen Nebeneinander zwischen Solo und Ensemble über eine elegische Episode zu einem Gipfel des temperamentvollen Miteinanders - eine Herausforderung, die in diesem Fall nur bedingt gemeistert werden konnte.

Die Noten wurden zwar akkurat umgesetzt, das von Oliver Bensch umsichtig koordinierte Zusammenspiel funktionierte bestens, doch das mittels Perkussion, Flügel und Harfe verstärkte Orchester zeigte so viel souveräne Schlagkraft, dass etliche Passagen zu einer Gratwanderung der Klangbalance wurden. Lag es am zu leisen Soloinstrument?

Der Solist Ulrich Schlumberger hatte nämlich statt eines Bandoneons oder einer Konzertina das klassische Konzert-Akkordeon mitgebracht, und dessen feiner Klang ist offenbar nur schwer zu dem scharfen Ausdruck des Bandoneons zu bringen, der hier vonnöten wäre.

So wirkte Ulrich Schlumbergers Solopart wie ein fein ziselierter, intimer Monolog, dem komponierten Konfliktkurs wurde eher ausgewichen, und dem feurig auftrumpfenden Orchester fehlte in manchen Momenten akustisch der gleichwertige Gegenpart.

Dennoch: ein rundum gelungenes Herbstkonzert, herzlicher Beifall, zwei Zugaben.
 

 

Konzert - Kammerorchester Metzingen musizierte in der Martinskirche unter Oliver Bensch mit drei Solisten

Aus dem Reutlinger Genaral-Anzeiger vom 14.05.2012

Stabiler Klangkörper

VON DAGMAR VARADY

METZINGEN. Versunken sitzt er noch vor Konzertbeginn da und dirigiert bereits dezent vor sich hin: Oliver Bensch, der Leiter des Kammerorchesters Metzingen, der am Freitagabend das Solistenkonzert in der Metzinger Martinskirche mit seinem dynamischen Dirigat und seiner ulkigen Art bereicherte.
Gleich drei Solisten durften ihr Können unter Beweis stellen. Drei verschiedene Stile, Epochen und eben auch drei unterschiedliche Solisten. Begonnen wurde mit dem Hofkomponisten des Sonnenkönigs, Francois Couperin. In den »Pieces en concert« für Violoncello und Streicher, eine Zusammenstellung Paul Bazelaires aus verschiedenen Hofmusiksuiten Couperins, offenbarte das Orchester sich als stabiler und recht ausgewogener Klangkörper.
Thomas Brocke, der den Solistenpart bestritt, zeigte sich nicht als dominanter Solist, sondern bettete sich vielmehr in den Orchesterklang ein. Und so entpuppten sich die fünf Sätze als vielfältige barocke Häppchen in einer höflich-galanten Interpretation.

Nach chinesischem Prinzip

Für die Uraufführung seiner Stücke »Yin« und »Yang« erklärte der Komponist Ekkehard Schobert sich für erwartungsvoll-aufgeregt und seine Stücke als Gegensätze mit wechselseitiger Bezogenheit, getreu nach dem chinesischen Prinzip. Vielfältig und durchaus spannungsreich war das Ganze. Zunächst eine sehr rhythmische Angelegenheit, synkopisch, leicht jazzig. Julian Trieb blies als zweiter Solist seine Klarinette mit viel Esprit und Schwung. Über zupfenden Streichern stoßende Klarinettentöne, spitze Rufe, bekräftigt durch einen stampfenden Fuß. Aber ebenso das Konträre: anschmiegsam, weich und behutsam.
Trieb ist ein charismatischer Musiker, bei dem seine pantomimische Ausbildung in der Musik einen geeigneten Partner findet. Eine derartige Spielweise steckt natürlich an. Das Orchester spielte folglich auch mit viel Einsatz und Eifer. Neben den flotten Partien sind auch fließende Klangströme und ruhige Linienführungen eingeplant und so ergibt sich ein dynamisches Gegeneinander von Aktivität und Ruhe, von Dynamik und Statik, von Zeit und Raum.

Klavierkonzert von Haydn

Wohlige und lichtdurchflutete Momente bot sodann das Klavierkonzert in D-Dur von Joseph Haydn. Die Umstellung von Schobert zu Haydn gelang tadellos. Mit Schwung und Witz kamen die schnellen Ecksätze daher. Mit eindringlicher Gelassenheit der langsame Satz. Stephen Blaich webte als dritter Solist des Abends mit lockerem und transparentem Anschlag glasklare Melodien am Klavier und blätterte sich dabei auch noch an schwierigsten Stellen selbst die Noten um. Schwerelos und glücklicherweise nicht pomphaft aufgeblasen interpretierten die Musiker unter Oliver Bensch dieses schöne Klavierkonzert, dessen letzter Satz »Rondo all'Ungarese« einen prägnant-temperamentvollen
Schlusspunkt setzte.
Und so war es nicht verwunderlich, dass das Publikum durch langes und sogar wiederholtes Klatschen gerne noch einer Zugabe gelauscht hätte. (vara)

 

Yin Yang im lebendigem Fluss

Aus dem Metzinger Volksblatt vom 14.05.2012

von Susanne Eckstein

Metzingen.  Ein besonderes Konzert mit einer Uraufführung und eigenen Solisten bot das Kammerorchester Metzingen am Freitag, diesmal in Streicherbesetzung.

Für Solokonzerte werden gern illustre Gaststars eingeladen, die dann oft losgelöst vom Ensemble die Gastgeber musikalisch abhängen. Das war dieses Mal anders. Zum einen stammten die Solisten aus dem Metzinger Umfeld: Thomas Brocke fungiert als Cello-Stimmführer im Kammerorchester, der Klarinettist Julian Trieb unterrichtet an der Musikschule, und Stephen Blaich amtiert als Martinskirchen- und Bezirkskantor. Des weiteren haben alle Beteiligten die Stücke offenbar intensiv gemeinsam erarbeitet und gelangten so unter Leitung von Oliver Bensch zu einer ansprechenden, schlüssigen Darbietung, stimmungsvoll umrahmt von Kerzenlicht und frischem Grün.
Die "Pièces en concert" aus François Couperins Sammlung "Les Goûts réunis" (Die vereinten Geschmäcker) werden meist in der auszugsweisen Bearbeitung für Cello und Streicher von Paul Bazelaire aufgeführt, die in der spätromantischen Tradition steht; so auch hier. Die farbige Harmonik wurde transparent ausgeleuchtet, die hallige Raumakustik stützte die weich fließenden Streicherstimmen und die ruhig ausschwingende Bewegung. In enger Verbindung mit dem Ensemble musizierte Thomas Brocke seinen Solopart souverän und klangschön, in der "Plainte" (Klage) aber teils so verhalten, dass man ihm mehr Solisten-Habitus wünschte. Der kam im abschließenden flotten "Air de Diable" wieder zum Tragen, wo Brocke klare Akzente setzte.
Hin und wieder sind beim Kammerorchester Komponisten zu Gast, wie jetzt am Freitag der Stuttgarter Flötist Ekkehard Schobert, der selbst zum Mikro griff und sein zweisätziges Werk "Yin & Yang" für Klarinette und Streicher vorstellte. Dieses verkörpert die in der chinesischen Philosophie thematisierte Polarität der Gegensätze in der Einheit - eine Erscheinung, die auch die abendländische Kunstmusik in vielfältiger Weise prägt, ohne dass man sie so benannt hätte.
Schoberts Musik geht aus von klaren, sprechenden Motiven und synkopierten Rhythmen, die vielfältig variiert und in Groß- und Detail-Strukturen verflochten und gegeneinander gestellt werden, wobei Solo-Klarinette und Ensemble eng verknüpft sind. Julian Trieb und den Streichern gelang eine ausdrucksstarke und spannungsreiche Interpretation, die sich durch eine natürlich fließende Bewegung auszeichnete: bewegungsfreudige Musizierlust - und das an einem nie zuvor aufgeführten Stück! Hatte die Yin-Yang-Thematik das Bewusstsein fürs Musizieren geschärft?
Genauso lebendig bewegt folgte Joseph Haydns Klavierkonzert D-Dur, von Stephen Blaich am Flügel souverän und kraftvoll strukturiert. Auch hier war der Solist eingebunden ins Musik-Geschehen: Der kircheneigene Schiedmayer-Flügel stand (anders als üblich) mitten im Orchester, und das wache, eng verflochtene Spiel von Solo und Ensemble sowie der helle, klar konturierte Klang ließen an historisch informierte Aufführungen mit Hammerflügel denken. Hie und da ließ die Präzision wie bei allen Laienaufführungen zu wünschen übrig. Doch mindestens genauso wichtig ist der lebendige Fluss der Musik, er erfüllt und beglückt - und inspirierte am Ende zu begeistertem Applaus.

 

Das Kammerorchester Metzingen scherzt mit Beethoven, tritt in ein geistreiches Gespräch mit Mozart und antwortet mit Ives den einsamen Rufen der Trompete

Aus dem Reutlinger Generalanzeiger vom 31.01.2012

Bange Fragen im Streicherweltall

VON DAGMAR VARADY

METZINGEN. Erwartungsvoll stellt eine vereinzelte Trompete eine Frage in den Raum. Vier Flöten bemühen sich um eine Antwort. Nur ist das Resultat wohl nicht zufriedenstellend, denn die Frage wird sieben Mal wiederholt, während die Antworten immer anders ausfallen: hektisch, ungeduldig, immer heftiger, jedoch unbefriedigend. Und dies alles geschieht über einem sanften und gleichmäßig dahin fließenden Klangkontinuum der Streicher, die ihre behutsamen Harmonien gleichsam schwebend in den Raum stellen.

Mit diesem originellen und zugleich tiefsinnigen Stück von Charles Ives, »The Unanswered Question«, beginnt das Neujahrskonzert des Metzinger Kammerorchesters am Samstagabend in der Metzinger Stadthalle. Hannes Schmeisser - ehemals Konzertmeister der Württembergischen Philharmonie Reutlingen und lange Zeit Leiter des Kammerorchesters Metzingen - übernimmt aufgrund einer Erkrankung des Dirigenten Oliver Bensch die Leitung. Treffend ist die Platzierung der Solisten: Die Trompete (Lothar Walker) ruft aus dem Off, die Flöten (Ulrike Ziegler, Ulla Teutsch, Laura Liebhardt und Simone Scherrmann) sind abseits des von Schmeisser so bezeichneten »Streicherweltalls« postiert.

Melodiöse Mozartwelt

Mit Mozarts »Sinfonia concertante« KV 297b in Es-Dur gelingt ein toller Einstieg in eine völlig andere Welt. Eine melodiöse Angelegenheit, sorglos, luftig, vergnügt. Auch wenn die Urheberschaft nicht ganz geklärt ist, gemahnt das Stück doch an die sangliche Schönheit und spritzige Art von Mozarts Musik.

Die Metzinger Streicher tragen dann auch sicher über kleinere Unebenheiten der Blechbläser hinweg. Vor allem für die vier Solisten des Abends (Roswitha Maier, Oboe, Julian Trieb, Klarinette, Klaus Pietsch, Horn, und Dorothea Stelzer, Fagott) stellt dieses Werk eine ausgezeichnete Gelegenheit dar, als gut abgestimmtes Team aufzutreten.

Es wird charaktervoll und mit leichter Hand musiziert, in ein Gespräch miteinander getreten, sich gegenseitig geantwortet, geneckt oder einander ins Wort gefallen. Besonders in den Variationen des 3. Satzes zeigen die Solisten ihr Können in einfühlsamen, solistisch einwandfreien, oft flotte Passagen. Schmeisser leitet das Orchester hier mit Präzision und lässt den Streichern Raum für die mozartsche Leichtfüßigkeit und Beschwingtheit.

Nach einer Pause wird das Publikum mit Beethovens 1. Sinfonie erfreut. Den ersten Satz lässt Schmeisser in sehr gemäßigtem Tempo auftreten. Die Linien werden arg breit ausgemalt, die kräftigen Stellen werden jedoch durchaus prächtig vorgestellt. Das Feurige liegt hier nicht im Tempo, sondern in der Dynamik. Mit dem 3. Satz kommt Beethovens eigene scherzhafte Tonsprache hervor, wieder breit und weitschweifig interpretiert. Die Bläser haben hier an ihren gravitätischen Harmonien zu tragen. Das Theatralisch-Witzige wird im Finale nochmals gefestigt: neckisch, recht flott und mit kräftigen Schlussakkorden.

Die Meisterstücke der musikalischen Welt wurden vom zahlreich erschienenen Publikum begeistert aufgenommen und entließen die Hörer in einen Abend voller nachklingender Melodien. (GEA)

 

Nicht ein Gastensemble bestritt diesmal das festliche Neujahrskonzert des Veranstaltungsrings Metzingen, sondern "der" klassische Klangkörper vor Ort schlechthin: das Kammerorchester Metzingen samt Solisten.

Aus dem Metzinger Volksblatt vom 30.01.2012

Die charmante Idee des Veranstaltungsrings, das heimische Orchester auf die Neujahrskonzert-Bühne zu bitten, stieß auf große Resonanz: Die Stadthalle war voll besetzt. Sie spricht aber auch für den Geist der Zusammenarbeit, der in Metzingen waltet. Auch das Streicher-Kammerorchester selbst hatte Bläser und Solisten unter anderem aus den Musikschulen Metzingen und Nürtingen hinzugezogen. Für den erkrankten Dirigenten Oliver Bensch sprang erfreulicherweise Hannes Schmeisser ein, der langjährige frühere Leiter des Kammerorchesters und ehemalige Konzertmeister der Württembergischen Philharmonie.

Das Programm zeigte einen "klassischen" Zuschnitt, abgesehen vom Auftaktstück des amerikanischen Wegbereiters Charles Ives, seiner rätselhaften "unbeantworteten Frage" ("The unanswered question"): Die Streicher - als "schweigende Druiden" - spinnen zarteste Sphärenharmonien, von fern stellt die Solotrompete ihre hartnäckige atonale Frage. Diese beantworten vier abseits stehende Querflöten zunächst gelassen, dann immer erregter, zuletzt schweigen sie. Dieser vieldeutige Dialog wurde klangschön umgesetzt; mehr Schärfe und Selbstbewusstsein bei den solistischen "Fragestellern", und die Aufführung hätte noch größeren Eindruck gemacht.

Die offene atonale Frage wurde quasi beantwortet durch eine ausgesprochen harmonische Aufführung zweier Meisterwerke der Wiener Klassik: der Sinfonia concertante für Holzbläserquartett und Orchester Es-Dur KV 297b von (vermutlich) Wolfgang Amadeus Mozart sowie Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 1 C-Dur. Pure Harmonie und Melodienfülle verströmte vor allem das Solistenensemble in der Sinfonia concertante, bestehend aus Roswitha Maier (Oboe), Julian Trieb (Klarinette), Klaus Pietsch (Horn) und Dorothea Stelzer (Fagott); nicht als Solo-Star-Truppe, sondern als einfühlsame Mitspieler, die - bei aller Brillanz - ihren Part behutsam ins Ganze der drei Sätze einfügten, angeführt von den so geschmeidigen wie ausdrucksvollen Soli der Oboe, getragen von tiefem musikalischen Einverständnis. Heiteres Musizier- und Melodien-Glück war hier zu erleben, ermöglicht durch viel Können und Musikalität.
Danach bot das mittels einer vorzüglichen jungen Bläsergruppe auf sinfonische Stärke ausgebaute Kammerorchester einen großen Auftritt mit Beethovens erster Sinfonie. Diese wurde nicht als kompositorischer Umsturzversuch des jungen Beethoven, sondern als würdige Mozart-Nachfolge interpretiert, hell, ausgewogen - "klassisch". Mit erstaunlicher Akribie meisterten die Laienmusiker die Schwierigkeiten der Partitur, allen vier Sätzen ließen sie liebevolle Sorgfalt im Detail angedeihen. Höchste Disziplin prägte ihr Spiel, präzise und konzentriert dirigiert von Hannes Schmeisser.

Verführen Beethovens lebhafte Aufschwünge andere Orchester gern zum Stürmen und Drängen, richteten Schmeisser und die Seinen ihr Ohr offenbar mehr auf Sauberkeit und Transparenz des Spiels, so dass die Bewegung - gerade im lebhaften Finalsatz - eher akkurates Ebenmaß statt Schwung und Vorwärtsdrang vermittelte.

Deutlich wurde auf jeden Fall, welch solides Niveau das Metzinger Orchester erreicht hat. Ihm nun zu raten, auf die Disziplin zu pfeifen und sich motorisch einen Kick nach vorn zu geben, wäre vielleicht verfrüht. Doch Können und Zusammenspiel der Musiker sind beachtlich und wurden zu Recht mit anhaltendem Beifall gewürdigt.

[Kritiken 2012]